Lies doch mal

Shida Bazyar

Nachts ist es leise in Teheran9783462048919_5

Der Roman beginnt 1979 mit der islamischen Revolution im Iran. Behsad kämpft auf der Seite der kommunistischen Revolutionäre für eine neue Ordnung. 10 Jahre später berichtet seine Frau Nahid über ihr Leben im deutschen Exil. Die Balance, eine neue Heimat zu finden und gleichzeitg sehnsüchtig auf die Rückkehr nach Teheran zu hoffen, bestimmt ihr ganzes weiteres Leben. 1999 reist Laleh mit ihrer Mutter Nahid für einen Besuch zurück in den Iran und lernt Teheran entgegen ihren Erinnerungen von einer völlig anderen Seite kennen. Nach weiteren zehn Jahren wird Besahds Sohn Mo durch die Grüne Revolution gezwungen, sich mit seiner Herkunft auseinanderzusetzen.

Dieser vielstimmige Roman ist durch die lebendige Atmosphäre und die wechselnden Blickwinkel äußerst fesselnd und interessant. Ein großartiges Debüt!!

 

Jocelyne Saucier,

Ein Leben mehr

DSCF2548Insel Verlag 19,95 €

Wie Jane Gardam war auch Jocelyne Saucier eine bislang unbekannte Größe im deutschsprachigen Literaturbetrieb, obwohl auch sie mit 68 Jahren und nach 4 Romanen keine Anfängerin ist.

Umso schöner, dass unsere Nachbarn aus dem Suhrkamp/Insel Verlag in der Pappelallee diesen Schatz aus dem frankophonen Kanada jetzt gehoben haben und uns Lesern zugänglich machen.

Auf der 1. Seite des Romans umreisst eine Stimme aus dem Off die Geschichte, um die es in dem Buch gehen wird; d.h. eigentlich deutet sie nur an und macht so den Leser neugierig. Klappt prima, kann ich Ihnen aus eigener Erfahrung sagen…

  • da ist die zunächst namenlose Fotografin, die es liebt, Portraits wirklich alter Menschen zu machen, weil sie die Geschichten hinter den Gesichtern liebt;
  • da sind Charlie, Tom und Ted (oder Ed oder Edward; so genau weiß das keiner), die drei freiheitsliebenden Alten in den kanadischen Wäldern
  • da ist Bruno, der bei den Einsiedlern nach dem Rechten schaut, Besorgungen für die Alten erledigt – und nebenbei seine Marihuanaplantage, die er hinter den Hütten im Wald angelegt hat, pflegt
  • Steve, ein Hotelpächter, der seine Hand schützend über die Alten hält und Fremden gern einen falschen Weg zeigt – übrigens auch der Fotografin…
  • und: Gertrude, eine zerbrechliche alte Dame in den 80-ern, die nach 60 Jahren Irrenanstalt bei den Alten im Wald eine illegale Zuflucht findet und deshalb erstmal einen neuen Namen braucht…fortan: Marie Desneiges

Sie merken: bei diesem wunderbaren Buch ist es nicht schwierig eine Geschichte zu erzählen sondern sich auf eine einzige zu beschränken.

Alle hängen igendwie zusammen und es ist, als würden es beim Lesen immer mehr (und so ist es auch!). Man wähnt sich in einem dicken Roman – und am Ende wundert man sich dann, weil es nur knapp 200 Seiten waren.

DAS ist große Autorenkunst…

***

Isabel Allende,                                                              Der japanische Liebhaber

LiebhaberIm Mittelpunkt dieses Romans steht die 80 jährige Alma Belasco, die soeben alle gesellschaftlichen Verpflichtungen aufgekündigt hat und in eine Seniorenresidenz in der Nähe von San Francisco gezogen ist. Die Pflegekraft Irina Bazili, die ihr bei Besorgungen zur Hand geht, soll ihr jetzt auch helfen, Erinnerungen und Fotos für eine Familiengeschichte zu ordnen.

Alma Mendel ist als 8-jährige Anfang der 40-er Jahre nach Amerika zu Verwandten verschickt worden. Ihre Eltern hat sie nie wieder gesehen. Onkel und Tante haben das Mädchen sehr liebevoll aufgenommen. Aber die wichtigsten Menschen in Almas Leben wurden Nathaniel Belasco, der Sohn des Hauses, und Ichimei Fukuda, der Sohn des Gärtners. Allende erzählt nicht nur Almas Lebensgeschichte, sondern auch die Geschichte der Familie Fukuda, die nach dem Angriff auf Pearl Habour interniert wurden und die Geschichte von Irina Bazili, die sich in der Seniorenresidenz einen unauffälligen Arbeitsplatz erhofft hatte.                       Tolle, eindrucksvolle Charaktere und eine interessante Geschichte !

 

Bov Bjerg,                                                                     Das Auerhaus

Dieser Roman erzählt in lebendigen Dialogen und kurzen Episoden vom Leben Halbwüchsiger vor dem Mauerfall in einem westdeutschen Dorf. Frieder wird nach einem Selbstmordversuch und monatelanger Behandlung aus der Psychiatrie entlassen und will in das leer stehende Bauernhaus seines verstorbenen Großvaters ziehen. Höppner, sein bester Freund, möchte ein wenig auf ihn acht geben und bei der Gelegenheit dem Zoff mit dem Stiefvater entkommen und zieht mit ein. Damit die Jungs nicht alleine sind… usw. Es folgen Vera, Pauline, Cecilia und Harry und es beginnt für alle der selbstbestimmte Alltag in einer Wohngemeinschaft, mit kochen, einkaufen (und klauen), Schule besuchen und viel reden. Alles gipfelt in einer überbordenden Silvesterfeier mit Schwulen (von Harry eingeladen), Verrückten (von Frieder eingeladen) und Abiturienten.

Es ist ein Roman über ein Jahr intensiver Freundschaft, der die Stimmung und die Zeit perfekt einfängt.

 

David Foenkinos,                                                                                                                                                      Charlotte

CharlotteIm Jahr 2006 besuchte der Autor David Foenkinos in Paris die Ausstellung “Leben? Oder Theater?” der Künstlerin Charlotte Salomon und war davon überwältigt. Viele Jahre hat er recherchiert, hat die wichtigen Plätze ihres Lebens besucht und Menschen interviewt. Manche haben ihm geholfen, manche haben ihm die Tür vor der Nase zugeschlagen. Diese Recherche hat der Autor geschickt in die Romanbiografie mit einfließen lassen. Lange hat der Autor um die Form gerungen,  jede Zeile ist ein Neuanfang, die Biografie wirkt wie ein Prosagedicht.

Charlotte wurde 1917 in Berlin geboren und musste ein Jahr vor dem Abitur wegen zunehmender antisemitischer Anfeindungen die Schule verlassen. Nach einer Italienreise mit den Großeltern verfiel Charlotte ganz der Malerei und wurde als Tochter eines Frontkämpfers aus dem 1.Weltkrieg noch an der Kunsthochschule angenommen. Einen Wettbewerb durfte sie als Jüdin allerdings nicht gewinnen. Charlotte folgt ihren Großeltern 1939 ins französische Exil, wird dort jedoch mit Ihrem Großvater interniert. Beide werden 1940 wieder entlassen und Charlotte erfährt in dieser Zeit ihre tragische Familiengeschichte. Tante, Mutter, Großmutter, deren Schwester und deren Sohn haben Selbstmord begangen.Um diesem Schicksal etwas entgegenzusetzen, malt Charlotte ihre Geschichte.

Eine Ausstellung dieser Bilder hat den Autor inspiriert.

Eine beeindruckendes und interessantes Buch!

 

 

 

 

 

 

Chigozie Obioma,          

Der dunkle Fluss                                       009 (2)

Ein großer Roman über die Schönheit und Abgründe Afrikas
Benjamin und seine Brüder leben in der Nähe eines gefährlichen Flusses. Als ihr Vater die Familie verlassen muss, verstoßen sie gegen sein Verbot, sich dem Gewässer zu nähern. Die Fische, die sie dort fangen, sind Vorboten einer Tragödie.
Ein faszinierendes Familiendrama und eine sprachmächtige Fabel über das Schicksal Nigerias. Von Afrikas neuem großem Erzähler. (Text: Verlag)

Dieses Buch liest sich fast wie eine ins Nigeria des Jahres 1996 transponierte klassische Tragödie: durch den Versuch einer grausamen Prophezeiung auszuweichen löst der älteste Sohn eine Kette von Ereignissen aus, die zur Auflösung der Familie führt – wie ein Pullover, den man Masche für Masche, Reihe für Reihe aufribbelt.

Benjamin, der zweitjüngste, erzählt die Geschichte als Erwachsener, aber in Rückblende durch die Augen des 9-jährigen, der er damals war.

Anrührend durch eine fast poetischen Sprache, mit der er wunderbare Bilder findet für Vorgänge, die er oft nicht versteht (besonders deutlich zu Beginn der jeweilige Kapitel).

Ein in jeder Hinsicht beeindruckendes Debut eines Autors, von dem die Leser noch Großes erwarten dürfen. (Text: Moby Dick)

 Dieser Roman ist im Aufbau Verlag erschienen und kostet 19,95 EURO

Herman Koch, Sehr geehrter Herr M.

Der früher allseits gefeierte Autor M. bekommt Post von einem Leser. Post mit drohendem Unterton. Der Absender habe wichtige Informationen für ihn.

M. hatte seinen größten Erfolg vor vielen Jahren mit einem Roman, der auf einem wahren Fall beruhte: Er schrieb einen Thriller über das ungeklärte Verschwinden eines Lehrers, ein Fall, der landesweit Schlagzeilen machte. Dieser Geschichtslehrer 003 (3)hatte eine kurze Affäre mit einer bildhübschen Schülerin und wurde zuletzt gesichtet, als er die Gymnasiastin und ihren neuen Freund in einem Ferienhaus im Süden Hollands aufsuchte. Die literarische Umsetzung dieses Kriminalfalls hat M. seinerzeit berühmt gemacht, doch heute ist sein Stern gesunken.
Der Nachbar interessiert sich allerdings brennend für ihn und für den Umstand, dass er sich bei dem Roman nicht so ganz an die Wahrheit gehalten hat.
Eindrückliche Charaktere, viel Unvorhergesehenes und unschlagbar komische Momente im Leben eines Schriftstellers machen diese Lektüre zu einem, wie immer bei Koch, großen Vergnügen.

Erschienen im VERLAG KIEPENHEUER & WITSCH kostet dieses Vergnügen 19,99 EURO

 

Klaus Modick, Konzert ohne Dichter

002 (3)Der Autor nimmt uns mit ins Teufelsmoor, nach Worpswede um 1905.
Im Mittelpunkt des Romanes steht das Bild „Das Konzert oder Sommerabend auf dem Barkenhoff“. Es zeigt nicht die Sommeridylle, die man zu sehen glaubt. Heinrich Vogeler hat es während seiner Freundschaft zu Rilke gemalt und immer wieder den Verhältnissen angepasst.
Vogeler hatte einen Seelenverwandten gefunden, Rilke dichtete und Vogeler illustrierte. Nur das normale Leben lag Rilke gar nicht. Lou Andreas Salome in Berlin verfallen, war er nicht frei für eine seiner Bewunderinnen. Dennoch liess er es sich gern gefallen. Das Dreiecksverhältnis zwischen Paula Becker, Clara Westhoff und Rilke spaltete die Kolonie noch mehr.
Klaus Modick hat in diesem Roman die Entstehung der Künstlerkolonie Worpswede, die schwierigen Verhältnisse für die Frauen und die steile Karriere von Heinrich Vogeler in ein stimmiges Zeitbild gesetzt.
Und obwohl Rilke hier denkbar unsympathisch ist, möchte man gleich noch einige Gedichte lesen. Eine Auswahl haben wir für Sie vorrätig.

Der Roman ist erschienen im VERLAG KIEPENHEUER & WITSCH für wohlfeile 17,99 Euro

 

Stephan Thome, Gegenspiel 001 (3)

Mitte der Siebziger Jahre ist Maria ist achtzehn und möchte raus aus Portugal. Als das neue Jahrzehnt anbricht, geht sie nach Berlin, beginnt ein Studium und eine Beziehung mit einem rebellischen Theatermacher, die bald scheitert. Allen Plänen vom unabhängigen Leben zum Trotz findet sich Maria schließlich als Ehefrau und Mutter in der nordrhein-westfälischen Provinz wieder und schaut ihrem Mann Hartmut beim Karrieremachen zu. Lang arrangiert sie sich mit den Verhältnissen, aber als die Tochter erwachsen und auf dem Sprung aus dem Haus ist, trifft Maria eine Entscheidung.
Es geht um ein Paar, dass sich liebt, aber verschiedene Wünsche hat. Maria muss endlich einen eigenen Weg gehen, damit sie nicht an den ewigen Kompromissen zerbricht.
Ob das gerecht ist? Die Perspektive des Ehemanns Hartmut können Sie in „Fliehkräfte“ nachlesen. Dem Autor ist das große Kunststück gelungen, über das gleiche Paar aus zwei Perspektiven zu schreiben.

Der Roman ist bei SUHRKAMP erschienen und kostet 22,95 EURO

 

Louise Erdrich, Das Haus des Windes

Man könnte hinter diesem blumigen Titel eine saftige Schmonzette vermuten.

Ernst Jandl würde womöglich sagen: Werch ein Illtum.
Denn „Haus des Windes“ ist Entwicklungsroman, Familiengeschichte, vielleicht auch eine Kriminalgeschichte und noch einiges mehr.

Der englische Titel (The Round House) bezieht sich auf das indianische Rundhaus, in dessen Nähe das Verbrechen geschieht, das Dreh- und Angelpunkt ist für diese Geschichte.
Sie beginnt mit der Frage „Wo ist deine Mutter?“ und wird uns (in Rückschau) von dem damals 13jährigen Joe Coutts erzählt, der mit seinem beunruhigten Vater aufbricht um sie zu suchen.
Sie finden die schwer verletzte Frau, die den brutalen Angriff eines Unbekannten nur knapp überlebt hat und sich weigert über die näheren Umstände zu sprechen.

Bald gibt es einen Verdächtigen aber die Ermittlungen ziehen sich hin.
Auch Joes Vater, einem Stammesrichter, sind die Hände gebunden, weil durch das Schweigen der Mutter der Ort des Verbrechens nicht genau bestimmt werden kann.
In diesem Gebiet in der Nähe des Rundhauses stoßen nämlich die Reservatsgrenzen an privates bzw. Bundesland, so dass die Zuständigkeiten der Behörden nicht geklärt werden können.
Gemeinsam mit seinen Freunden Cappy, Angus und Zack beschließt Joe selbst Ermittlungen anzustellen und das Recht in die eigene Hand zu nehmen.

erdrich 001Eine Sprache, die Bilder malt, Figuren, die man so schnell nicht vergisst, eine packende Geschichte, die unter die Haut geht und ein wunderbarer Humor: für alle, die Louise Erdrich schon seit langem schätzen, gibt es mit diesem neuen, bereits preisgekrönten Roman (National Book Award) endlich Nachschub und für alle anderen ist dieses Buch ein möglicher Einstieg in die Welt der außergewöhnlichen Autorin.

Weitere Titel von Louise Erdrich:
-Die Rübenkönigin
-Der Club der singenden Metzger (lassen Sie sich auf keinen Fall vom Titel abschrecken!!!)
-Der Bingo-Palast


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 43 Followern an

%d Bloggern gefällt das: